Des Nazis neue Kleider

In der Neonazi-Szene hat es in den vergangenen Jahren einige Veränderungen gegeben. Lange Zeit dominierte ein Bild des Rechtsradikalen die Öffentlichkeit: Der glatzköpfige Nazi-Skinhead (besser: Bonehead) mit Bomberjacke und Springerstiefel. Auch heute noch wird in den Medien häufig diese Darstellung verwendet. Doch inwiefern trifft das noch zu? Zunächst gilt es, unorganisierte und organisierte Neonazis zu unterscheiden. Unorganisierte Neonazis sammeln sich oft in losen Cliquen, haben kaum Kontakte zu anderen Neonazi- Gruppen und werden meistens spontan aktiv. Aktivität bedeutet hier Gewalttaten gegen Personen, die nicht in das menschenverachtende Weltbild passen und aus der Gruppe heraus, meist unter Einfluss von Alkohol und rechtsradikaler Musik, verübt werden.

Oftmals besteht eine solche Clique nicht ausschließlich aus Personen, die man auf dem ersten Blick der rechten Szene zuordnen würde. Dazu gehören oft auch Jugendliche, die wie Stinos, Prolls oder HipHoper rum rennen. In solchen Gruppen herrscht ein latent bis offenes rechtes Weltbild vor, dass durch den Peer-Group-Effekt (d.h. die einen fast täglich umgebende Bezugsgruppe bestimmt wesentlich die Einstellungen und Werte) bestätigt und weitergegeben wird.

Organisierte Neonazis bilden demgegenüber feste Gruppen. Diese sind genauso gewalttätig und versuchen zusätzlich mittels Propaganda die neonazistische Ideologie zu verbreiten. Des Weiteren sind sie vielmehr vernetzt und aktionsorientierter, sodass sie häufig zu Nazi-Demos fahren. Die am meisten verbreitete Organisationsform ist die rechtsradikale Kameradschaft, die es in nahezu jeder größeren Stadt oder Region gibt. Auch diese Kameradschaften waren lange Zeit durch die martialisch wirkenden Boneheads geprägt.

Doch die Dominanz der Boneheads in der rechtsradikalen Subkultur wurde durch eine neuere Erscheinungsform gebrochen: Durch den „Autonomen Nationalisten“. Nach der Jahrtausendwende gründeten sich zuerst in Berlin Neonazi-Zusammenhänge, welche sich diesem Etikett verschrieben. „Autonome Nationalisten“ (z.T auch „Freie Kräfte“) versuchen durch das Kopieren anderer Jugendkulturen einen leichteren Zugang zu jungen Menschen zu erlangen. So werden Kleidungsstile, Symboliken und Parolen aus der HipHop-, der Hardcore- und der Antifa- bzw. Autonomen- Bewegung abgekupfert und umgedeutet. In der Folge lassen sich T-Shirt-Aufdrucke, Aufnäher oder Buttons nur bei genauerem Hinsehen identifizieren. Denn auf dem ersten Blick sieht das „good night left side“ aus wie das aus dem Hardcore bekannte „good night white pride“. Oder im Emblem der 1932 gegründeten Antifaschistischen Aktion steht plötzlich „Nationale Sozialisten“.  Dieser neue Lifestyle sorgte und sorgt für großen Ärger innerhalb der rechten Szene. Vielen Traditionalisten unter den Neonazis ist das zu modern, poppig und beliebig. Die Autonomen Nationalisten argumentieren damit, dass sie unauffälliger agieren können und ein leichterer Zugang zu anderen Jugendszenen bestehen würde. Trotz dieser Differenzen hat sich das Phänomen der Autonomen Nationalisten in der organisierten rechten Szene - besonders unter Jugendlichen - etabliert. Ihr politisches Weltbild ist dabei ähnlich diffus wie ihr Auftreten. Sie bedienen sich unterschiedlichster Ansätze und Themen und vermengen das alles zu einem wirren, gehaltlosen Ideologie- Cocktail, der von Plattitüden durchzogen ist. So ist es auch nicht verwunderlich, dass besonders Quer-Front-Strategien bei Autonomen Nationalisten vorzufinden sind. Als Querfront wird die rechtsextreme Strategie bezeichnet, quer durch alle politische Lager Gemeinsamkeiten zu finden bzw. zu konstruieren.
Thematisch versuchen sie ihre menschenverachtende Ideologie mit aktuell-politischen Schlagworten zu verkleiden. Hinter Parolen wie: „Gegen Krieg und Kapitalismus“ steckt kein pazifistisches und humanistisches Weltbild, sondern die absurde Vorstellung einer abgeschotteten und fanatischen „Volksgemeinschaft“. Ihre Zwiespältigkeit äußert sich auch im Verhältnis zu den rechtsextremen Parteien wie NPD und DVU. Auf der einen Seite bezeichnen sie sich als „revolutionär und systemfeindlich“, d.h. dass eine Zusammenarbeit mit den genannten Parteien nicht in Frage kommen würde. Auf der anderen Seite kommt es auf lokaler und regionaler Ebene nicht selten zu personellen Überschneidungen, Bündnissen und gemeinsamen Aktionen.

Schlussendlich sollte der Autonome Nationalismus nicht als eigenständige politische Strömung, sondern vielmehr als Aktionsform gedeutet werden. Der Rechtsextremismus hat viele Gesichter und der Autonome Nationalismus ist eines davon. Eine besondere Aufmerksamkeit wird ihm nicht durch ein politisches und intellektuelles Potential zuteil, sondern durch die niedrigschwellige, modern-aktionistische Prägung, welche die Abgrenzung zu anderen Jugendkulturen schwammiger erscheinen lässt.

Schaut deshalb genau hin, um rechtsextreme Propaganda und Arbeit entlarven zu können!